Flora, Pflanzengesellschaften


(13-30) PLACHTER et SCHMIDT, 1993:
Die Kalkmagerrasen Südwestdeutschlands als Modell für den Schutz und die Entwicklung anthropo- zoogener Lebensräume

Natur und menschliche Kultur werden in den europäisch-nordamerikanischen Gesellschaften als scharfer Gegensatz verstanden. Dies schlägt sich auch im Grundkonzept des Naturschutzes nieder, wonach das zentrale Ziel der Schutz einer möglichst unberührten Natur vor dem Menschen ist. In seiner puristischen Interpretation muß dieses Ziel in Frage gestellt werden, nachdem immer deutlicher wird, daß der Einfluß des Menschen auf die Natur weitaus umfassender und ubiquitärer ist, als bisher angenommen wird. Unberührte Natur im strengen Sinn gibt es auf der Erde so gut wie nicht mehr.
Dies wird besonders deutlich in den mitteleuropäischen Kulturlandschaften. Nicht nur reicht hier der substantielle Einfluß des Menschen mindestens 1000 Jahre zurück. Der überwiegende Teil der heimischen Flora und Fauna ist darüber hinaus auf anthropo-zoogene Lebensräume angewiesen, die ihre Entstehung gewöhnlich einer sehr spezifischen Nutzungsart verdanken. Viele dieser Nutzungsvarianten sind heute ungebräuchlich bzw. betriebswirtschaftlich unrentabel geworden.

Damit stellt sich in Kulturlandschaften aber die grundsätzliche Frage, inwieweit der Naturschutz auch Initiativen zum Schutz und zur Förderung derartiger historischer Nutzungsformen aufgreifen muß. Nur so können die Alternativen, eine vom Naturschutz selbst betriebene, substituierende Erhaltungspflege oder der Verzicht auf jegliche Nutzung zugunsten einer ungestörten naturnahen Sukzession, sinnvoll ergänzt werden. Im Spektrum anthropo-zoogener Lebensraumtypen sind Rasen-Ökosysteme in Mitteleuropa besonders typisch, teilweise auch heute noch weit verbreitet und häufig in räumlich großflächigen Verbundsystemen anzutreffen. In den historischen Landnutzungssystemen übernahmen solche Rasensysteme die Funktion von Nährstofflieferanten. Sie zählen deshalb oft zu den nährstoffärmeren Ökosystemen. Dies und die vergleichsweise hohe Artendichte bedingen einen hohen naturschutzfachlichen Wert. Die Rückgangstendenzen sind bei fast allen Typen erheblich. Ursachen sind einerseits eine Umstellung auf moderne Landnutzungsformen in Verbindung mit Aufdüngung und/oder Umbruch, andererseits die Nutzungsauflassung, oft verbunden mit Aufforstung.

Der Naturschutz hat in der Vergangenheit versucht, aus der Nutzung fallende anthropo-zoogene Rasen-Ökosysteme durch Vertragsnaturschutz (Nutzungsvereinbarungen mit einzelnen Landwirten) und spezifische Pflegemaßnahmen zu erhalten. Abgesehen davon, daß eine statisch-konservierende Pflege weder den historischen Gegebenheiten noch der Eigendynamik von Populationen und Ökosystemen entspricht, haben Zahl und Fläche ungenutzter Rasen-Ökosysteme inzwischen einen Umfang erreicht,der die finanziellen, personellen und organisatorischen Möglichkeiten der Naturschutzverwaltungen und -verbände übersteigt.

Unter den Rasen-Ökosystemen Mitteleuropas nehmen die trockenen Kalkmagerrasen eine herausragende Stellung ein. In etlichen Regionen sind sie landschaftsprägend. Sie beherbergen einen großen Teil der lokalen Fauna und Flora mit einem hohen Anteil gefährdeter Arten. Die beschriebene Nutzungs- bzw. Schutzsituation ist exemplarisch ausgeprägt. Die Verluste durch Nutzungsaufgabe sind erheblich, mit einer in den letzten Jahren ansteigenden Tendenz. Zu den durch Magerrasen geprägten Landschaften Deutschlands zählt die Schwäbische Alb im Bundesland Baden-Württemberg.
Der größte Teil dieser Kalkmagerrasen (Mesobromion) ist durch Wanderschäferei, die bereits seit mehr als 100 Jahren stark rückläufig ist, entstanden. Zu den regionalen Nutzungssystemen gehören außerdem extensiv bewirtschaftete Wiesen (Goldhafer- und Glatthaferwiesen). Sie sind durch Nutzungsänderung mindestens ebenso stark gefährdet wie die Kalkmagerweiden und -wiesen. Das Umweltministerium des Landes Baden-Württemberg hat deshalb ein mehrjähriges Forschungsvorhaben in Auftrag gegeben, das Leitlinien für die künftige Behandlung der Kalkmagerweiden und der trockenen Wiesen der Mittleren Schwäbischen Alb festlegen soll. Die Ergebnisse werden methodisch und teilweise auch inhaltlich auf andere Regionen und andere Rasen-Ökosysteme übertragbar sein.

Das Vorhaben wurde von einer naturschutzfachlichen und einer wirtschaftswissenschaftlichen Forschergruppe gemeinsam bearbeitet. Angegliedert war eine projektbegleitende Arbeitsgruppe aus Verwaltungsvertretern, die gemeinsam mit den Wissenschaftlern die normativen Arbeitsschritte bearbeitet hat.

Schlüsselfragen des praxisorientierten Vorhabens waren u. a.:

  • Sind die gebräuchlichen Formen naturschutzfachlicher Pflege zielführend?
  • Ist ein statischer Erhalt dieser Ökosysteme durch Ersatznutzung und Pflege generell möglich?
  • Welche methodischen Instrumente sind für eine vergleichende Bewertung der Flächen und unterschiedlicher Nutzungsvarianten erforderlich?
  • Wie stellt sich die Nutzungsgeschichte der Magerrasen der Schwäbischen Alb im einzelnen dar?
  • In welcher Weise entwickeln sich die Ökosysteme nach Nutzungsauflassung weiter, werden hierbei in der Zukunft wieder hochwertige Stadien erreicht? Bietet naturnahe Sukzession eine Alternative zur Erhaltungspflege?
  • Können historische Triebwegesysteme mit vertretbarem Aufwand restituiert werden?
  • Welches sind die sozialen und ökonomischen Schlüsselfaktoren für die zunehmende Unattraktivität der Schafhaltung?
  • Können sie gezielt verbessert werden?
  • Durch welche Maßnahmen kann den marktwirtschaftlichen Größen gegenüber staatlicher Subventionierung in der Betriebsplanung wieder größeres Gewicht gegeben werden?
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