Fauna und Artenaustausch


(159-180) CHRISTIAN WALTHER
Untersuchungen zur Fauna beweideter Kalkmagerrasen

Den überwiegenden Teil der Landgehäuseschnecken-Zönose machen thermophile und subthermophile Arten aus, von denen selbst die häufigsten Arten als gefährdet gelten. Auf kurzrasigen Flächen mit eingestreuten punktuellen Habitatstrukturen treten regelmäßig geophile Heuschrecken-Arten auf. Auch bei den Laufkäfern zeigt sich eine Bevorzugung der wärmeliebenden Feldarten von kurzrasigen Flächen. - Die Tagfalterfauna zeichnet sich durch einen hohen Anteil an Spezialisten aus, die durch die Verzahnung von beweideten und unbeweideten Strukturen im Randbereich der Kalkmagerrasen sämtliche Requisiten vorfinden, die ihnen das Überleben auf diesen Flächen ermöglichen. Besonders gute Bedingungen für xerophile Arten bieten die Süd- und Westhänge der untersuchten Gebiete mit ihren zahlreichen Sonderstrukturen, wie offenen Bodenstellen, Steinen und Krüppelschlehen. Viele Taxa, jedoch vor allem die Gehäuseschnecken, weisen hohe Anteile stenöker Arten auf, und einige dieser Arten haben auf den beweideten Kalkmagerrasen der Schwäbischen Alb den Schwerpunkt ihrer Verbreitung in Baden-Württemberg.

• Hohe Beweidungsintensität hat damit nicht zwangsläufig einen Wertverlust aus der Sicht des Naturschutzes zur Folge.



(229-256) SABINE F. FISCHER, PETER POSCHLOD und BURKHART BEINLICH
Die Bedeutung der Wanderschäferei für den Artenaustausch zwischen isolierten Schaftriften


Während der Vegetationsperiode 1993 wurde an einer Wanderschafherde auf der Schwäbischen Alb untersucht, welche Pflanzen und Tiere im Fell, Verdauungstrakt und den Hufen von Schafen in einem Kalkmagerrasengebiet transportiert werden. Ferner wurden Verfrachtungsexperimente mit markierten Diasporen und Heuschrecken mit zwei gezähmten Schafen durchgeführt, um festzustellen, welche Zeiträume Organismen auf Schafen verbringen. Insgesamt wurden im Untersuchungszeitraum 108 Gefäßpflanzenarten und 27 Tierarten im Fell, Kot und in den Hufen der Münsinger Schafherde entdeckt. Für den Transport von Pflanzen erwies sich das Fell als das bedeutsamste Medium: während 16 Felluntersuchungen wurden auf nur einem Schaf über 8500 Diasporen von 85 Gefäßpflanzenarten festgestellt. Wie die Verfrachtungsexperimente zeigten, können Diasporen, wenn sie erst einmal in das Fell gelangt sind, über Monate transportiert und somit über den gesamten Bewegungsraum der Schafe ausgebreitet werden. Aber auch in den Hufen und in dem Verdauungstrakt von Schafen werden zahlreiche Pflanzenarten befördert: so enthielten die Hufe von 30 Schafen über 380 Diasporen von 48 Gefäßpflanzenarten und die Exkremente von 105 Kotabgängen 270 keimfähige Diasporen von 27 Pflanzenarten. Unter den von Schafen transportierten Tieren wurden nur die Heuschrecken (13 Arten) und Schnecken (7 Arten) häufiger auf dem Fell bzw. in den Hufen entdeckt. Die mittlere Verweildauer der Heuschrecken während der Verfrachtungsexperimente auf den Schafen betrug 14 Minuten. In dieser Zeitspanne werden von Schafen während des Weidegangs Distanzen von über 100m und auf der Wanderung von weit über 500m zurückgelegt. - Die meisten Schnecken wurden in dem Erdmaterial der Hufe transportiert. In den Hufen von 30 Schafen wurden 18 Gehäuse, insbesondere von kleinen Arten und juvenilen Tieren entdeckt. Die Ergebnisse der Untersuchungen zeigen, daß die Bedeutung der Hütehaltung und insbesondere der Wanderschäferei für den Erhalt und die Entwicklung der Kalkmagerrasen noch vielfältiger ist, als bisher angenommen wurde. Schafe formen nicht nur durch den Tritt und Verbiß die Kalkmagerrasen, sondern sorgen mit ihrem Transport von Pflanzen und Tieren für einen ständigem Artenaustausch zwischen den einzelnen Weideflächen. Auf diese Weise werden die in unserer heute stark fragmentierten Landschaft immer stärker auftretenden Isolationseffekte, die zunehmend das Überleben von ausbreitungsschwachen Organismen bedrohen, vermindert. Zudem ist dieser Transport auch für die Regeneration von seit geraumer Zeit brachgefallener Magerrasen sehr bedeutsam, denn auf diese Weise können ausbreitungsschwache Pflanzen und Tiere, die bereits auf den Flächen verschwunden sind, durch die Schafe wieder eingeführt werden.

(283-310) BURKHARD BEINLICH:
Veränderungen der Wirbellosen-Zönosen auf Kalkmagerrasen im Verlaufe der Sukzession


Durch vergleichende Analyse einer großen Zahl unterschiedlicher Flächen werden die Auswirkungen des Brachfallens und der Verbuschung von Kalkmagerrasen auf ausgewählte Tiergruppen (Tagfalter, Heuschrecken, Landgehäuseschnecken, Laufkäfer und Ameisen) der Schwäbischen Alb dokumentiert. Neben den Ergebnissen eigener Erhebungen in den Jahren 1992 und 1993 wurden in der Literatur verfügbare Angaben ausgewertet. Bei allen untersuchten Tiergruppen wird die Zahl der charakteristischen Arten in den späteren Sukzessionsstadien immer geringer; das gleiche gilt auch für die Gesamtartenzahl und die Zahl der gefährdeten Arten. Die genutzten Ausgangsstadien und frühen Sukzessionsstadien bieten ca. 50-60 gefährdeten Arten aus den untersuchten Gruppen einen geeigneten Lebensraum, in den mittleren und späteren Sukzessionsstadien sind dagegen nur noch ca. 20-30 gefährdete Arten zu erwarten. Allerdings setzt der Artenrückgang innerhalb der ausgewählten Tiergruppen in unterschiedlichen Sukzessionstadien ein, und auch das Optimum bezüglich der Diversität ist jeweils in unterschiedlichen Sukzessionsstadien anzutreffen. Bei den Laufkäfern setzt z. B. der Artenrückgang ein, sobald der Verbuschungsgrad die 30 %-Marke überschreitet. Bei Tagfaltern und Ameisen ist dagegen zunächst eine Zunahme der Gesamtartenzahl mit zunehmender Verbrachung bzw. Verbuschung festzustellen. Für die Heuschrecken und Landgehäuseschnecken sind, ähnlich wie für die Laufkäfer, die kargen, genutzten Ausgangsstadien und die ganz frühen Sukzessionsstadien von besonderer Bedeutung. Mehr als 40 % der Arten wurden in diesen Stadien nachgewiesen. Mit Erreichen der Schlußstadien kann die Zahl der Arten mit engerer Biotopbindung jedoch wieder ansteigen (z.B. bei den Landgehäuseschnecken und Laufkäfern). Nach heutigem Kenntnisstand erreichen sie aber lange nicht die Wertigkeit der Ausgangs- und frühen Sukzessionsstadien.

 

(391-406) DANIEL HERING & BURKHARD BEINLICH :
Die Bedeutung von Raumstrukturen und räumlichen Konfigurationen für Tiere auf Kalkmagerrasen


Der Aufbau der Biozönosen von Kalkmagerrasen wird in hohem Maße von verschiedenen Struktur- und Umgebungsparametern bestimmt. Die Flächengröße und die Entfernung zu anderen Magerrasen-Flächen beeinflussen die Überlebenswahrscheinlichkeit von Populationen und damit den Artenbestand. Die Standortbedingungen und das Vorkommen bestimmter Tierarten werden zudem in hohem Maße von der Exposition und der Vegetationsstruktur bestimmt. Weitere Faktoren, die zur Ausbildung der Biozönosen von Kalkmagerrasen beitragen, sind der Grad der Verbuschung, die Bodenstruktur und das Vorhandensein typischer Sonderstandorte. Die Wirkung der genannten Parameter auf die Lebensgemeinschaften der Kalkmagerrasen wird anhand von Literaturdaten und eigenen Geländeerhebungen dargestellt und anhand von Beispielen konkretisiert.

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