Wacholderheiden: Pflege ? Sukzession ?
Situation auf der Schwäbischen Alb


(31-36) PETERMANN, 1993 :
Chancen und Grenzen der Biotoppflege von Kalkmagerrasen

In verstärkter mechanischer Landschaftspflege sah man vor mehr als 30 Jahren und auch danach die einzige reale Möglichkeit, den starken Rückgang der Kalkmagerrasen auf der Schwäbischen Alb und damit dem gravierenden Artenschwund der auf diese Standorte angewiesenen Pflanzen- und Tierarten begegnen zu können. Im Zuge der bis heute anhaltenden Nutztungsaufgabe ertragsschwacher Flächen seitens der Landwirtschaft gilt es, die verbleibenden gehölzfreien Bereiche vor standortverändernder, zufälliger Sukzession und Aufforstung zu bewahren und in ihrer derzeitigen Ausdehnung zu erhalten. Diese Vorgabe scheiterte sehr schnell an den engen Grenzen, die der Landschaftspflege hinsichtlich der Geldmittel, des Managementpersonals in der Verwaltung und des Pflegepersonals gesetzt sind, so daß selbst in Naturschutzgebieten heute noch Verluste erhaltungswürdiger Magerrasen-Flächen in Kauf genommen werden müssen. Zudem sprechen auch naturschutzfachliche Gründe dagegen, die früher übliche extensive Beweidung weitestgehend durch Mähen zu ersetzen, da sich die Artenzusammensetzung von Fauna und Flora verändert und eine zu starke Vereinheitlichung entgegen der angestrebten Vielfalt eintritt. Es sollte daher auf den Magerrasen-Flächen eine gute Durchmischung von extensiver Nutzung und Landschaftspflege praktiziert werden. Die Weidenutzung kommt aus wirtschaftlichen Gründen eher für große, zusammenhängende Flächen in Frage, während für die mechanische Landschaftspflege isolierte Flächen, Klein- und Kleinstflächen sowie der Bereich der Weideflächenerhaltung (periodische Nachpflege) vorbehalten bleiben. Trotz vielfacher, intensiver Bemühungen, neue Weidenutzungen wieder auf Magerrasen-Flächen zu bringen, blieben die Erfolge bisher fast gänzlich aus. Augenblicklich kann daher der Bestand der verbliebenen Magerrasen-Flächen nur durch eine weitere Steigerung der Landschaftspflegeleistungen garantiert werden in der Hoffnung, hierdurch für die Zukunft auch mögliche Weideflächen vorhalten zu können.

 

(37-63) SCHUMACHER et al.
Die Pflege der Kalkmagerrasen


Die mitteleuropäischen Kalkmagerrasen sind fast ausschließlich anthropo-zoogenen Ursprungs und bedürfen nach Nutzungsaufgabe für ihren Fortbestand einer kontinuierlichen Pflege. Entsprechende Pflegekonzepte sollten stets so angelegt sein, daß eine weitgehende Integration von landwirtschaftlicher Nutzung und Pflege erreicht wird, denn aus naturhaushaltlichen, ökosystemalen und agrarstrukturellen Gründen ist die Beibehaltung oder Wiedereinführung extensiver Nutzungsformen einer reinen Pflege vorzuziehen. Generell kann eine Pflegenutzung (Fortführung einer alten, heute nicht mehr rentablen Nutzungsform durch gezielte Förderung) und eine Pflege ohne Nutzung unterschieden werden, wobei letztere für eine Dauerpflege nicht geeignet erscheint. Unter Erstinstandsetzung wird die Regeneration eines bereits stark verbrachten bzw. verbuschten oder bewaldeten Magerrasens verstanden. Es handelt sich um eine einmalige Maßnahme, die neben der Entfernung der Gehölze v.a. auf die rasche Beseitigung des abgestorbenen Rasenfilzes abzielt. Pflegemaßnahmen finden dagegen in regelmäßigen Zeitabständen statt. Sie sind, wo immer möglich, in Form der Pflegenutzung (Beweidung in Hüte- oder Koppelhaltung mit Schafen oder anderen Vieharten, Heu- oder Einstreugewinnung durch Mahd) zu organisieren.

 

(109-126) BEINLICH et KLEIN
Kalkmagerrasen und mageres Grünland: bedrohte Biotoptypen der Schwäbischen Alb


Die Kalkmagerrasen (Mesobromion) finden sich auf ehemaligen Waldstandorten und sind erst durch Rodung und anschließende Weidenutzung im Laufe der Jahrhunderte entstanden. Zwei Typen werden unterschieden: das gemähte Mesobrometum (Kalk-Magerwiese oder Mähder) und das beweidete Gentiano-Koelerietum (Kalk-Magerweide). Die einst weitverbreiteten Kalkmagerrasen haben vor allem in diesem Jahrhundert starke Verluste erlitten: In Baden-Württemberg sind seit Anfang des Jahrhunderts auf der Schwäbischen Alb ca. 50 % verloren gegangen, außerhalb der Alb liegen die Verluste bei 80-90 %. Derzeit sollen in Baden-Württemberg noch ca. 150 km² Magerrasen anzutreffen sein. Nahe verwandt mit diesen Biotoptypen sind die frischen Wirtschaftswiesen magerer Ausprägung auf Kalk, die im Bereich der Alb in drei Formen anzutreffen sind: die Tal- und Berg-Glatthaferwiese sowie die Mittelgebirgs- oder Storchschnabel-Goldhaferwiese. Ebenso wie die eigentlichen Magerrasen sind auch die trocken-mageren Wirtschaftswiesen stark rückläufig. Der Flächenrückgang seit Anfang des 20. Jahrhunderts wird auf ca. 90 % geschätzt. Bei allen aufgeführten Grünlandtypen (Magerrasen und frisches Wirtschaftsgrünland magerer Ansprägung) handelt es sich um sehr arten- und blütenreiche Lebensräume. Die Bedeutung der Kalkmagerrasen besteht u.a. in ihrer hohen Artenzahl an trockenheits- und wärmeertragenden Spezialisten der Tier- und Pflanzenwelt und an wärmebedürftigen Arten, deren Hauptverbreitungsgebiet in südlicheren Regionen zu finden ist. Zudem haben hier viele Arten einen Lebensraum gefunden, die in der intensiv genutzten, modernen Agrarlandschaft keine anderen blütenreichen Lebensräume mehr vorfinden.

 

(199-226) POSCHLOD et al:
Die potentielle Gefährdung von Pflanzenpopulationen in Kalkmagerrasen der Schwäbischen Alb durch Sukzession und Aufforstung - ein Beispiel für einen zönotischen Ansatz der Gefährdungsanalyse von Pflanzenpopulationen


Im Gebiet der Schwäbischen Alb wurde die potentielle Gefährdung von Pflanzenpopulationen in Kalkmagerrasen gegenüber Sukzession (Brachfallen) oder Aufforstungsmaßnahmen untersucht. Dazu wurde für 187 Arten eine Datenbank erstellt, in der neben Lebens- und Wuchsformen-Parametern die Überlebensfähigkeit der Sproß- und generativen Diasporenpopulation aufgrund von Literaturdaten und Geländeerhebungen klassifiziert wurde. Weiterhin wurden die Ausbreitungsfähigkeit hinsichtlich ihres Bau- und Ausbreitungstyps und der Möglichkeit der Ausbreitung über Schafe beurteilt. Schließlich wurden noch Bestäubungsmechanismen in die Auswertung miteinbezogen, um eine möglicher Gefährdung durch behinderten oder gefährdeten Genfluß abzuleiten. Der größte Teil des Gesamtartenpools scheint durch Sukzession oder Aufforstungsmaßnahmen gering gefährdet, da ihre Sproß- und generativen Diasporenpopulationen noch in älteren Sukzessionsstadien überleben können. Für andere Arten bzw. Populationen ist die Ausbreitung über Schafe zur Wiederbesiedlung geeigneter Standorte das einzige Mittel, ihre Überlebensfähigkeit zu sichern. Allerdings gibt es 30-40 Arten, deren Populationen durch Brachfallen oder Aufforstungsmaßnahmen langfristig zurückgehen oder aussterben werden. Eine Wiederbesiedlung geeigneter Standorte ist durch ihre meist schlechte Ausbreitbarkeit in vielen Fällen auszuschließen. Die meisten dieser Arten sind bereits auf der roten Liste, einige wie bspw. Anthyllis vulneraria oder Asperula cynanchica nicht. Sukzession als Leitbild für Kalkmagerrasen kann deshalb nur für Teilflächen ein Leitbild sein, als extensives Pflegekonzept könnte ein gesteuerter Mosaik-Zyklus angestrebt werden. Zur Vermeidung der Ansiedlung polykormonbildender (ausläuferbildender)Sträucher ist eine Aufforstung nur in Ausnahmefällen anzustreben.


(311-336) BEINLICH, HERING et PLACHTER:
Ist die natürliche Sukzession eine Entwicklungsalternative für die Kalkmagerrasen der Schwäbischen Alb?


Von alters her sind die Kalkmagerrasen Wandlungen hinsichtlich der Nutzung unterworfen gewesen; das Brachfallen und Verbuschen ist somit keine Erscheinung, die auf die heutige Zeit beschränkt ist. Wesentlich bedeutender als die Nutzungsaufgabe mit anschließender Verbuschung bzw. Verwaldung scheint in der Entwicklungsgeschichte der Magerrasen jedoch die immer wieder erfolgte Nutzungsintensivierung in Form der Feldgraswirtschaft gewesen zu sein. Heute stellt die Sukzession zum Wald die wesentliche Gefährdungsursache für den Bestand der Kalkmagerrasen dar. Der Verlauf der Sukzession wird von einer Vielzahl von Faktoren (z.B. Vornutzung, Gründigkeit des Bodens, Wasserhaushalt, Grad der Gehölzbelastung, Art der Kontakteinheiten, Vermehrungs- und Ausbreitungsmodus der im Gebiet vorhandenen Pflanzen oder das Verhalten bestimmter Tiere) bestimmt und kann so auf vergleichbaren Standorten unterschiedliche Wege einschlagen. Letztendlich laufen die verschiedenen Sukzessionswege aber in einem Sammelstadium - je nach Standort kommt eine der verschiedenen Ausprägungen des Buchenwaldes in Betracht - zusammen. Im Bereich der Alb unterscheiden sich die Sukzessionsverläufe auf Kalkmagerweiden in Trauflage deutlich von jenen auf der Albhochtläche. In Trauflage dominieren Laubgehölze die Sukzession. Von großer Bedeung ist dabei die sich über Polykormone ausbreitende Schlehe, die dazu neigt, Reinbestände auszubilden und nur schwer im Rahmen von Pflegemaßnahmen zu bekämpfen ist. Die Sukzessionsverläufe auf der Alb werden dagegen maßgeblich von Nadelgehölzen (v.a. Kiefer, Fichte und Wacholder) geprägt. Bei den laubholzdominierten Sukzessionsverläufen nimmt die auf der Alb schlechtwüchsige Schlehe nur eine untergeordnete Rolle ein. Gemähte Kalkmagerrasen und mageres Wirtschaftsgrünland verbuschen nach Nutzungsaufgabe i.d.R. wesentlich langsamer als Weiden. Dies ist maßgeblich auf das Fehlen von offenen Bodenstellen als Keimbetten für Gehölzsamen und die starke Verfilzung der Flächen nach Nutzungseinstellung zurückzuführen. Da unter den Verhältnissen der Albhochfläche im Verlaufe der Sukzession keine Folgestadien entstehen, die auch nur annähernd die Wertigkeit regelmäßig schafbeweideter, offener Kalkmagerrasen erreichen würden und außerdem die Implementierung ähnlicher Sukzessionsabläufe auch auf anderen brachfallenden Flächen möglich ist, kann die Sukzession aus naturschutzfachlicher Sicht keine Entwicklungsalternative für die Kalkmagerrasen darstellen. Dagegen spricht auch der hohe Anteil der bereits vorhandenen Sukzessionswälder im Verhältnis zu intakten Kalkmagerrasen auf der Alb - im Schnitt liegt er bei den fünf daraufhin ausgewerteten Forstämtern bei ca. 57 %.

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