Strategien zur Erhaltung der Kalkmagerrasen

 

(441-463) PLACHTER et BEINLICH
Strategien zum Erhalt und zur Entwicklung der Kalkmagerweiden und der mageren Wiesen der Schwäbischen Alb


Der Mensch hat die Natur in weitaus stärkerem Umfang beeinflußt und gestaltet, als bis vor wenigen Jahren angenommen. Dies ist in den mitteleuropäischen Kulturlandschaften besonders augenfällig. Ein erheblicher Teil der Arten ist in solchen Landschaften auf Lebensräume angewiesen, die durch eine sehr spezifische historische Nutzungsform entstanden sind. Solange diese Nutzungsformen noch reliktär oder in sehr verwandten Varianten ausgeübt wurden, konnte sich der Naturschutz auf den konservierenden Schutz einzelner Objekte und eine substituierende Erhaltungspflege beschränken. Mit den anhaltenden Veränderungen in der Landwirtschaft fallen aber solche Nutzungsformen zunehmend in großen Regionen völlig aus. Diese Entwicklung kann nicht mehr über eine Erhaltungspflege abgefangen werden. Kalkmagerrasen zählen zu diesen Lebensraumtypen. Sie sind in Mitteleuropa entweder durch Beweidung - überwiegend mit Schafen - (Magerweiden) oder durch Mahd (Magerwiesen, magere Wirtschaftswiesen) entstanden. Die Problematik des Schutzes anthropo-zoogener Leberisräume kann an ihrem Beispiel besonders gut aufgearbeitet werden. Hierzu wurde für die Mittlere Schwäbische Alb (Deutschland, Baden-Württemberg) eine mehrjährige Studie durchgeführt. Es kann gezeigt werden. daß die Kalkmagerweiden Südwestdeutschlands ihre Entstehung komplexen Landnutzungssystemen verdanken, in denen die Verfügbarkeit von Nährstoffen der Mangelfaktor war. Die Weiden dienten in diesem System als Nährstoffquellen. Die übliche Nutzung war auf Nährstoffentzug ausgerichtet und ist deshalb nicht als „nachhaltig“ anzusehen. Diese Situation ist heute nicht mehr gegeben und - zumindest als abgestimmtes Nutzungssystem - auch nicht mehr regenerierbar. Die Zahl der aus der herkömmlichen Nutzung entlassenen Flächen ist bereits jetzt so hoch, daß mit den verfügbaren Kapazitäten nur in großen Zeitintervallen Pflegemaßnahmen durchgeführt werden können. Im Vergleich mit der historischen Situation kommt dies allenfalls einer Unternutzung gleich. die auf Dauer die Entwicklung zu späteren Sukzessionsstadien nicht aufhalten kann. Außerdem unterscheiden sich die pflegebedingten Eingriffe deutlich von den nutzungsbedingten und führen so zwangsläufig zu Veränderungen der Ökosysteme. Der Schutz natürlicher und naturnaher ökologischer Prozesse ist in den letzten Jahren zunehmend als wichtige und eigenständige Aufgabe des Naturschutzes erkannt worden. Hierzu zählen auch ungestörte Sukzessionsentwicklungen. Alle aus der Nutzung fallenden Kalkmagerrasen einer Entwicklung ohne menschliche Eingriffe zu überlassen, kann aber nicht empfohlen werden. Aufgrund verschiedener Randbedingungen würde dies in vielen Fällen nicht zu naturnahen Verhältnissen fuhren. Statt dessen werden fünf zunächst gleichrangige Strategien vorgeschlagen und begründet:

1. Förderung der Hütehaltung von Schafen. Hierzu ist es erforderlich, die entscheidenden betrieblichen Schlüsselfaktoren zu verbessern. Bei sog. „stationärer Hütehaltung“ sind dies Winterstall und Winterfutter.

2. Förderung bäuerlicher Landwirtschaftsformen für Grünland. Diese Strategie zielt vor allem auf eine betriebliche Attraktivitätserhöhung für mageres bis mesophiles Grünland. Dies kann einerseits durch staatliche Förderprogramme und Bereitstellung entsprechender stabiler Absatzmärkte erreicht werden. Andererseits benötigt Strategie 1 Heu und Zwischenweideflächen. Es kann gezeigt werden, daß durch Koppelung beider Strategien erheblicher zusätzlicher Bedarf an mageren Wiesen geweckt werden kann.

3. Konservierende Bestandssicherung und Erhaltungspflege. In Anbetracht der verfügbaren Kapazitäten werden bereits jetzt im Untersuchungsraum zu viele Flächen gepflegt. Eine aktuelle und vor allem zukünftige Konzentrierung auf herausragende Objekte ist erforderlich.

4. Erhalt des regionalen Artenpotentials. Bereits heute sind Kalkmagerrasen in vielen Gebieten nur noch isoliert und reliktär vorhanden. Verschwinden auch diese Objekte, so ist mit einem großräumigen Verlust der spezifischen Fauna und Flora zu rechnen. Unter den heutigen Landschaftsbedingungen ist keine Wiederbesiedlung nach Verbesserung der Verhältnisse zu erwarten. Eine naturschutzkonforme Nutzung solcher Flächen ist vielfach nicht möglich. Aus den genannten Gründen besitzt ihr Erhalt dennoch hohe Priorität. Auch hier werden ggf. unmittelbare Maßnahmen des Naturschutzes nötig.

5. Sukzession. Kommen die vorgenannten Strategien nicht in Frage bzw. sind sie nicht sinnvoll, so kann es zweckdienlich sein, Kalkmagerrasen einer möglichst naturnahen Sukzession zu überlassen. Verzicht auf landwirtschaftliche und in späteren Stadien auch forstwirtschaftliche Nutzung sind Voraussetzungen. Allerdings sind in den letzten Jahren bereits in recht großem Umfang auf ehemaligen Kalkmagerweiden „Sukzessionswälder“ entstanden. Ihre Inventarisierung und ihr hoheitlicher Schutz sind vorrrangig.

Welche dieser fünf Strategien für ein konkretes Objekt die geeignete ist, kann nur auf örtlicher Ebene entschieden werden. Wichtige Entscheidungsgrundlage sind - neben einem standardisierten Bewertungs-Algorithmus - regionale landschaftliche Leitbilder. Sie fehlen bisher durchgängig. Es kann gezeigt werden, daß den Truppenübungsplätzen bei der Implementierung dieser Strategien eine entscheidende Rolle zukommt. Dies gilt insbesondere für Strategie 1 und infolge von Koppelungseffekten auch für Strategie2.

 

(469-478) BEINLICH, DIETERICH et RATSCHKER :
Die Münsinger Alb als Modell für die zukünftige Entwicklung der KMR und des mageren Grünlandes durch eine naturschutzkonforme Landnutzung


Um aufzuzeigen, wie die Rahmenbedingungen für den Erhalt der Kalkmagerrasen und des mageren Wirtschaftsgrünlandes in einem definierten Landschaftsausschnitt aus Sicht des Naturschutzes beschaffen sein sollten, wurde ein tlächendeckendes Entwicklungskonzept für den nordwestlichen Bereich von Münsingen erarbeitet. Die Wahl fiel auf den Großraum Münsingen, weil hier noch eine intakte Schäferei und ausreichend große Magerrasen anzutreffen sind. Für das Planungsgebiet wurde ein Leitbild formuliert und ein funktionsfähiger Verbund für die Magerrasen sowie ein praktikables Triebwegesystem für die Schäferei entwickelt. Die planerischen Vorgaben stellen die Grundlage für die Abschätzung der Kosten dar, die bei Umsetzung der Planung entstehen würden. Die naturschutzfachlichen Zielvorgaben beziehen sich auf insgesamt 286 ha, das entspricht bei einer Gesamtfläche des Modellgebietes von ca. 2100 ha einem Flächenanteil von ungefähr 14%. Zum überwiegenden Teil handelt es sich um landwirtschaftlich genutzte Flächen. Die als Schafweiden genutzten Kalkmagerrasen nehmen mit zukünftig 157 ha den größten Flächenanteil ein. Magere Wiesen sind mit ca. 48 ha, fettes Grünland mit ca. 30 ha und Äcker mit ca.10 ha von den naturschutzfachlichen Planungen betroffen. Waldstandorte (junge Aufforstungen und Sukzessionswälder) fallen mit 23 ha flächenmäßig kaum ins Gewicht.

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